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Ausklang

Zum Ende der Wandertage geht es wieder Richtung Nordwesten, allerdings mit einem Schlenker nach Osten zuerst: Von Tarifa nehmen wir die Straße über die Hügel zum Mirador del Estrecho de Gibraltar – dem Aussichtspunkt über die Meerenge von Gibraltar.

Von hier sieht man wunderschön zum Hafen von Tanger Med. Die Stadt selbst ist noch 20 km weiter hinter einem Kap auf der rechten Seite. Im stinkenden Dunst der Schiffe ist davon aber ohnehin nichts zu sehen. Wir brauchen nicht nur bei Autos und Heizung dringend erneuerbare Energieträger, auch die Schiffe dürfen möglichst bald keinen Ölschlamm mehr verbrennen.

Wir fahren wieder Richtung Cádiz zurück, allerdings dieses Mal auf die Festlandseite an die Mündung des Guadalete. Warum wir hier in dem unbedeutenden Städtchen halten? Weil es hier etwas durchaus Bedeutendes gibt, etwas so Urspanisches, dass es nur einen englischen Namen haben kann: Osborne.

Um 1800 zog Thomas Osborne Mann, ein Brite aus Exeter, nach Cádiz. Er stieg bei der noch jungen Firma von zwei Landsleuten namens Duff und Gordon ein und vertrieb deren Weine nach Großbritannien und in die USA. Er baute die Firma weiter aus und übernahm sie schließlich als Teil der Osborne Group. In Spanien spricht man das übrigens mit „e“ am Ende aus, nicht englisch.

Die Firma stellt nicht nur Wein und Schinken her, sondern auch Brandy. Ich kann mich für den Carlos I. begeistern und will wissen, was die sonst noch Leckeres haben.

Leider gibt es Tastings nur vormittags, und so taumeln wir vor 12 Uhr bereits gut angetütert aus dem Showroom. Fazit: Carlos ist immer noch mein Favorit.

Der Stier, der hier an der Hauswand hängt, ist dort nicht als Logo Spaniens, tatsächlich ist dieser Stier eine Werbemarke von Osborne, in den 1960ern überall an spanischen Autobahnen als Werbung für den Veterano-Brandy aufgestellt. Ende der 1980er wurde Werbung an Autobahnen verboten, und so stehen heute nur noch 92 Stiere in Spanien. Ohne Werbeaufschrift, aber jeder weiß, dass es für Osborne wirbt. Und so beliebt, dass der Stier heute als urspanisches Logo überall aufgedruckt wird. Das nenne ich mal eine erfolgreiche Werbestrategie!

Um wieder nüchtern zu werden, machen wir früh Mittag und kehren danach ins Hotel zurück. Gabi ist heute ganz agil, und so brechen wir zu zweit gleich wieder auf, um die in bunten Farben blühende Stadt zu Fuß zu erkunden.

An dem Platz mit den vier Marmor-Mädels ist weiter hinten ein Flamenco-Dorffest mit einem irren Lärmpegel. Wir haben die Musik schon aus dem Hotel 2 km südlich gehört. Auf dem Platz vor der Tribüne, wo die Tische stehen, kann man ohne Ohrenschmerzen gar nicht sitzen, und doch wuselt es dort in allen Altersgruppen. Latinopop in Rammstein-Lautstärke, das ist Folter!

Am Guadalete entlang laufen wir wieder zurück Richtung Meer und finden den Strand von Santa Maria. Zwischen dem Yachthafen und dem auf der anderen Seite des kleinen Flusses liegenden Industriegebiet ist das nicht sehr einladend. Es gibt einen Chiringuito, aber er ist sehr ungepflegt und laut.

Im Hintergrund sieht man die nach Cádiz führende Verfassungsbrücke.

Alles andere an Bars hat entweder geschlossen oder hat kein Essen, und so müssen wir wieder zurück in die Stadtmitte. Dort ist ein Überangebot an Restaurants, und es dauert ziemlich lange, bis wir uns nach längerem Hin und Her endlich für ein Lokal entscheiden. Auf dem Rückweg kommen wir noch an weiteren Osborne-Hallen vorbei. Die ganzen Flaschen und Fässer müssen ja auch irgendwo reifen.

Schlussendlich sind wir trotz Schwips wieder über die 20-Kilometer-Marke gekommen.

Sanlúcar de Barrameda

Am nächsten Morgen fahren wir zum Frühstück 30 Kilometer nach Nordwesten an die Mündung des Guadalquivir. Dieser wichtige Fluss kommt aus dem Gebirge im Nordosten von Granada, etwa 350 Kilometer Luftlinie entfernt. Er fließt erst weit nach Norden, dann in einem Bogen nach Westen. Bereits als großer Fluss fließt er durch Córdoba, dann weiter westlich durch Sevilla. Dort ist er so breit und tief, dass von hier die großen Segelschiffe nach Amerika fuhren. Der ganze Westen von Andalusien kam durch den Handel mit den Überseekolonien in den Amerikas zu großem Reichtum.

Bei der Mündung in Sanlúcar bildet der Fluss die Grenze zum Naturschutzgebiet Doñana, das einerseits Lebensraum für bis zu über eine halbe Million Wandervögel ist, gleichzeitig aber im Sterben liegt. Die intensive Landwirtschaft in der Region (Baumwolle, Reis, Erdbeeren) entzieht den Flüssen und durch illegale Brunnen auch dem Grundwasser so viel Volumen, dass die Lagunen im Park schon seit vielen Jahren austrocknen und viele Arten aussterben. Die 2022 gewählte Regierung aus Konservativen (PP) und Faschisten (VOX) wollte die Brunnen legalisieren und die Landwirtschaft sogar noch weiter ausbauen, wurde aber auf massiven Druck aus der EU davon abgehalten (Danke, Brüssel!) und muss jetzt den Landwirten hohe Summen anbieten, um ihre Felder zurückzubauen.

Trotzdem ist die Zukunft des Parks aber weiterhin ungewiss. Es drohen neben Klimawandel auch Überdüngung, bleibender Wassermangel und die Gefahr durch landeinwärts liegende Minen, deren Abwässer schon mehrfach die Flüsse in der Region verseuchten.

Wie auch in Santa María gibt es in Sanlúcar Spirituosenindustrie. Hierher kommt die Manzanilla, ein Weißwein. Der Name bedeutet "Kamille" – wieso der Wein so heißt, ist aber umstritten. Gerne würde ich probieren, aber bitte nicht zum Frühstück!

Nach dem Frühstück geht es flussaufwärts nach Sevilla. In einem Vorort essen wir noch gemeinsam zu Mittag, dann trennen wir uns und schicken meine Mutter endlich nach Hause zum Auskurieren.

Sevilla

Nachdem wir unsere Sachen im Hotel abgelegt haben, sind wir im Zwiespalt. Die Stadt macht ihrem Ruf als Hitzezentrum Spaniens alle Ehre, es hat eine Temperatur im oberen Bereich der 20er. Und der Pool des Hotels ist schon geöffnet. Pool oder Stadtrundgang? Wir schwanken, aber entscheiden uns dann doch für Bewegung.

Über die Jardines de Murillo geht es zur Plaza de España, wo mehrere monströse Feigenbäume stehen.

Dann promenieren wir ein wenig an dem Uferkai des Guadalquivir. Wieso die Flüsse hier so komische Namen haben? „Guad“ kommt vom arabischen „Wadi“, was Karl-May-Lesern natürlich etwas sagt: Das bedeutet „Fluss“. Aus dem großen Fluss (Guad al kabir) wurde der Guadalquivir, aus dem Fluss des Vergessens (Guad al lethe) dann der Guadalete.

Auf Höhe des Flamenco-Konservatoriums mit dem unverwechselbaren Turm kehren wir im Puerto de Cuba ein, eine Reminiszenz an die alte Anlegestelle für die Schiffe nach Kuba.

Hier passen wir alten Säcke so gut hin wie ein Bauer in Gummistiefeln in der Oper. Der Türsteher mustert uns kritisch, lässt uns dann augenrollend trotzdem rein. Wir setzen uns abseits, denn das ist eher ein Abschlepplokal für Yuppies. Mädels, die in kurze Kleider eingenäht wurden, und durchtrainierte Jungs in Anzughosen und Hemd, oft weit aufgeknöpft, buhlen hier um Sichtbarkeit. Botox und Anabolika wabern durch die Luft, das ist nicht unsere Welt. Nach einem Gin Tonic laufen wir weiter den Fluss hinauf zum Torre del Oro und dann durch kleine Altstadtstraßen wieder zum Hotel zurück.

Am nächsten Morgen rollen wir unsere Koffer zum Hauptbahnhof, und gegen Mittag sind wir schon wieder zu Hause in der kalten Wohnung. Kurz nachdem wir losgefahren waren, flog die Sicherung, und so lief die ganze Woche keine Heizung.

Danke noch einmal an meine Eltern, die als Begleittrupp die Wanderung erst so schön gemacht haben, und gute Besserung an meine Mutter. Ich hoffe, es heilt alles wieder schnell.

Ich kann diese Route nur wärmstens empfehlen. Bis auf das Stück rund um San Fernando und Chiclana ist das wunderbar zu laufen. In einer Woche ist die Strecke sehr einfach zu machen, die Natur ist vielseitig und wunderschön, die Aussicht auf Afrika spektakulär. Auf dem Weg sind viele Einkehrmöglichkeiten, und die Orte wie Cádiz, Conil, Atlanterra, Bolonia und Tarifa sind schon alleine die Reise wert.

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