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Faszination und Angst

Der letzte Winter und das Frühjahr waren nass. Das ist gut für die Landwirtschaft und für die Wasserversorgung. Und für die Natur, die wächst und gedeiht. Nachteil: Die Natur ist gewachsen, und der Sommer war früh schon heiß und trocken. Also liegt jetzt überall perfekter Zunder in den Wäldern, und dann kommt noch Ignoranz dazu.

Seit einiger Zeit steht überall auf der Autobahn "Extreme Waldbrandgefahr – extreme Vorsicht“. Das ist nicht nur eine Warnung, sondern bedeutet auch, dass Regeln in Kraft treten. Beispielsweise darf man zwischen 13 und 18 Uhr seine Felder nicht mehr bewirtschaften, weil es zu gefährlich ist. Die spanische faschistische Partei VOX kämpft da seit Jahren dagegen an – das verletze die Berufsfreiheit der Bauern!

Östlich von uns liegt das Dorf Robledilla, regiert von VOX, und deren Bürgermeister fuhr bei 40 Grad in der prallen Mittagshitze mit dem Mähdrescher auf sein Feld. Jetzt, 2 Wochen später, ist ein Gebiet von 18 Kilometer Breite und 40 Kilometer Länge verbrannt, und die Feuerwehr meldet, dass sie den Brand inzwischen unter Kontrolle hat – noch nicht gelöscht, aber kein Inferno mehr.

So sah das von uns aus aus:

Die Rauchwolke zog erst Richtung Süden, über 50 Kilometer an Madrid vorbei, dann drehte der Wind, und binnen eines Tages war der Rauch bis zu den Pyrenäen gezogen, etwa 300 Kilometer. Quelle u.a: Artikel in El País (spanisch)

Ein paar Tage danach brach ein Brand bei Segovia aus, der Rauch wird vom Wind über die Guadarrama getrieben, und nach 70 Kilometern vereinigt er sich dann mit dem anderen Rauch und zieht gemeinsam Richtung Frankreich.

Zusätzlich immer wieder kleine Brände, und dann ging es vorgestern richtig los. Im Südwesten der Region Madrid, etwa 80 Kilometer von uns entfernt, starten drei Brände, die sich noch am selben Tag vereinen. Der Rauch treibt an der Guadarrama entlang über den Norden der Region Madrid. Am Nachmittag schreibt mir meine Frau: "Es regnet hier Asche!". Durch dichte Schwaden fahre ich nach Hause, die Sonne ist orangerot verschleiert.

Am Morgen sieht meine Motorhaube aus, als hätte man einen großen Aschenbecher darüber ausgeschüttet, und es riecht auch so.

Freitagnachmittag auf dem Heimweg kommen dann 9/11-Vibes auf, zwischen den Madrider Hochhäusern kriecht der Rauch durch, und es dauert nicht lange, bis ich voll in der Suppe fahre.

Daheim angekommen fahren wir auf einen nahegelegenen Hügel und lassen die Drohne steigen, aber ich komme nicht sehr hoch: Es ist ordentlich windig. Es sieht aus wie bei Mad Max, alles ist gelblich-braun, und es riecht, als ob man direkt neben dem Feuer stünde.

Das Video ist etwas ruckelig, weil die Drohne mit dem Wind gekämpft hat:

Heute hat der Wind gedreht, und wir haben erst mal ein paar Stunden geputzt. Danach habe ich mich mal hingesetzt und Satellitenkarten gewälzt. Die EU ist aus so vielen Gründen eine gute Idee, einer davon: Es gibt für private Nutzung mehrere Anbieter von kostenlos verfügbaren Satellitenkarten, und zwar in 10-Minuten-Schritten. Ich habe die letzten Tage mal durchlaufen lassen auf einem der Anbieter, und das mitgeschnitten und ein bisschen bearbeitet:

Man sieht erst den Brand nordöstlich von Madrid, dann den bei Segovia, und am 23./24.7. geht es dann richtig los südlich von Ávila. Heute, am 25., hat der Wind gedreht und drückt den Rauch jetzt Richtung Toledo.

Der Brand ist inzwischen komplett außer Kontrolle, die Feuerwehr bekommt Hilfe aus ganz Europa, aber es brennt inzwischen auf 30 Kilometer Länge in den Bergen. Heute gibt es ein bisschen Hoffnung: Durch den Rauch sind die Temperaturen um 5–10 Grad gefallen, und er hat Feuchtigkeit gebunden. Der drehende Wind hat auch vorerst dafür gesorgt, dass eines der größten Schlösser Europas, das San Lorenzo de El Escorial, momentan nicht mehr unmittelbar bedroht ist – so denn der Wind nicht wieder dreht.

Wir selbst sind aktuell sicher, das kann man aber von den schon jetzt über 60.000 Betroffenen nicht sagen, die größte Evakuierung, die es in der Region Madrid jemals gegeben hat. Eine totale Katastrophe, und wie nach den ganzen anderen, immer schlimmeren Katastrophen der letzten Jahre wird auch diese in ein paar Wochen vergessen sein.

Den Klimawandel rechtzeitig zu bekämpfen, wäre so viel billiger gewesen, als nun die immer schlimmeren Schäden zu bezahlen. Abgesehen davon, dass eine abgasfreie Welt so viel schöner wäre.

Aber Wandel ist schwierig für uns Menschen, und so stellt sich der zündelnde Bürgermeister von Robledilla jetzt breitbeinig und beleidigt hin, und schiebt die Schuld am Brand von sich weg. Er würde aus politischen Gründen als Sündenbock hingestellt, man solle doch jetzt lieber das Feuer löschen, als auf ihn zu zeigen.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: E-Auto + Wärmepumpe + Solar sind mehrere tausend Euro billiger im Jahr als fossile Alternativen. Ich zahle für Fortbewegung und Heizung zusammen weniger als die Hälfte von dem, was mein Nachbar jedes Jahr nur für sein Heizöl zahlt.

Aktuell bleibt nur zu hoffen, dass der Großbrand bald gelöscht wird, und die Feuerwehrhelden gesund bleiben. Ein dickes Lob an die spanischen Bomberos, die Jungs sind echt auf Zack – aber selbst die beste Feuerwehr hat ein Limit,

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