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Durch die Marismas

Der Tag beginnt perfekt: Auf dem Dach des Hotels sitzen wir beim Frühstück und blicken über den Strand. Wir haben das Hotel gleich für 3 Tage gebucht – allein wegen dieser Aussicht über die Stadt und das Meer.

Wir sind ja gestern abgeholt worden und nun 20 Kilometer Luftlinie zu weit im Südosten. Anstatt uns zurückfahren zu lassen, laufen wir lieber von hier wieder Richtung Cádiz zurück. Der Strand ist gut zu laufen, aber es ist immer noch ziemlich frostig. Am Ende des Sandes geht es einen Weg hoch auf die Klippen. Die Saison hat noch nicht begonnen, und es ist relativ einsam hier. Nur die überall stehenden VW-Busse und Wohnwagen der nordeuropäischen Kälteflüchtlinge sind nicht zu übersehen.

Noch einmal geht es an den Strand hinunter. An einer Stelle ist er so schmal, dass ich vor einer Welle auf die Steine der Uferbefestigung springen muss, um keine nassen Füße zu bekommen.

Einer der vielen Bäche versperrt den Weg und wir steigen hoch zum Hotel auf der Klippe. Eine Brücke führt über den Bach, doch danach endet der Weg an einem fest verschlossenen Tor. Ich versuche, die Kombination am Tor zu erraten – 1234, 2468 und so weiter –, aber wir kommen nicht weiter. Ein Angestellter öffnet uns dann das Tor, und so können wir oben auf der Klippe weiterlaufen. Es gibt zu viele Zäune und Mauern auf dieser Welt – von Grenzen ganz zu schweigen!

Hier kommen wir an einigen ästhetisch gestalteten Hotels vorbei, aber auch an eher brutalistischen Bunkern.

Ein rotbrauner Weg geht durch ein Blumenfeld in Richtung des Leuchtturms am Kap. Hier ist der kleine Hafen von Conil de la Frontera. Vorher kommen wir zu einem Parkplatz oberhalb eines kleinen Strandes mit guter Aussicht. Hier, hinter der "Colonia felina protegida" (geschützte Katzenkolonie), wollen wir kurz Pause machen. In der Ruine leben eine Menge Katzen, und jemand hat ihnen Betten und Spielzeuge bereitet.

Während wir unsere Trinkflaschen auspacken und tief ausatmen, um die Stille und die Aussicht über das Meer zu genießen, kommt eine Horde Jugendlicher auf Fahrrädern an. Wir lehnen an einem Holzbalken, der wird als Fahrradabstellplatz genutzt, und in weniger als einer Minute sind wir eingesperrt von abgestellten Fahrrädern, und die Kids wuseln in einer Traube um uns herum.

Sie sind so mit Socializing beschäftigt, dass wir komplett ignoriert werden und über die Fahrräder steigen müssen und Leute aus dem Weg schieben, um aus der Gruppe auszubrechen und weiterzugehen.

Wenig später sind wir am Hafen angekommen. Der Weg führt hier nicht mehr weiter, und wir müssen auf die Straße zurück. Hinter dem Hafen ist eine Lagerstätte für nicht mehr benötigte Anker, ein beachtlicher Haufen! Bald sind wir wieder oben auf der Klippe und blicken auf die Wellen herunter – wie fast jeden Tag beginnt ab Mittag der Westwind (Poniente) kräftig zu blasen. Morgens weht die Levante aus dem Osten, aber deutlich schwächer.

In Roche meldet sich der Hunger; wir rufen meinen Vater an und treffen uns im Timón de Roche. Das in Schiffsoptik eingerichtete weitläufige Restaurant ist von außen unspektakulär, hat aber im Garten echte Schiffe als Blickfang und ist innen und außen sehr schick eingerichtet.

Wir gönnen uns eine Paella und ziehen, bevor sie ankommt, nach drinnen um: Im Wind ist es sitzend schon durchaus frostig. Nach dem Essen schauen wir auf den weiteren Weg: Es geht die nächsten 15 km auf Straßen durch ausgedehnte Wohngegenden, am Meer geht es nur noch ein Stück, wir sind kurz vor dem riesigen Delta des winzigen Baches Zurranque. Der ist zwar nur ein halbes Dutzend Kilometer lang, aber durch das flache Land und den starken Wind vom Meer macht er hier ein riesiges Delta. Verbreitert wurde es vor über 3000 Jahren schon, als die Phönizier damals Gadir – heute Cádiz – gründeten. Die Römer, die sie fast 1000 Jahre später vertrieben hatten, nutzten die ganze Küste hier intensiv für den Fischfang und pökelten mit dem im Delta gewonnenen Salz den Fang. Noch wichtiger war es jedoch für das Garum gaditanum, eine Würzsauce aus sehr stark gesalzenen, komplett zerriebenen Fischen, die mehrere Monate in der Sonne fermentiert wurden. Das muss höllisch gestunken haben, aber die fertige Brühe war sehr haltbar und nährreich – und hat die Region über Jahrhunderte wohlhabend gemacht.

Wir sparen uns den Weg durch Chiclana de la Frontera und die Vororte und lassen uns am Stadtrand des Ortes mit fast 100.000 Einwohnern absetzen. Zwischen San Fernando, wo wir gestern aufgehört haben, und hier liegen die Marismas. Dabei handelt es sich um ein weitläufiges Marschland mit vielen Gezeitensielen und einem zentralen Bach, dem schon erwähnten Zurranque. Bis in die 1950er Jahre waren hier zu Hochzeiten 150 Salinen, heute ist es Naturschutzgebiet und es sind nur noch Reste davon zu sehen.

An mehreren Stellen kommen wir an lustigen Statuen vorbei. Sie stellen den Gott des Handels, Melqart, dar, den die Phönizier verehrten. Die Römer haben ja schon immer die Kulturen besiegter Völker angenommen, und so wurde er auch unter den Römern weiter verehrt.

Mitten in den Marismas steht am Wegrand ein komplett ausgebranntes Auto, vermutlich ein Renault Kangoo. Das muss ordentlich heiß gebrannt haben, von den Scheiben sind nur noch Glasperlen übrig.

Die Wanderung über die brettlflachen und baumlosen Marismas ist schön, aber anstrengend. Der Wind bläst hier ungebremst stark, und Gabi läuft mit Kapuze und geschlossener Jacke, als ob es tiefster deutscher Winter wäre.

In San Fernando begrüßen wir dann auch meine Mutter, die noch einen Termin hatte und mit dem Zug nach Cádiz nachgekommen war. Jetzt komplett geht es zurück nach Conil und wir beschließen den Tag mit einem Spaziergang durch den Ort und einem guten Abendessen.

17 Kilometer waren es heute. Der Wind hat es vor allem Gabi ein wenig beschwerlich gemacht, aber wir haben noch Lust auf viel mehr!

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