Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Back home

Nach über 21h reiner Flugzeit bin ich jetzt fast wieder zu Hause. Und wie immer überlege ich, was ich gelernt habe, was ich vermissen werde, worauf ich mich zu Hause wieder freue. Sozusagen das Resümee der Reise.

Brot

Wie immer, wenn ich nach Hause komme: Endlich wieder vernünftiges Brot! Mag sein, dass gutes deutsches Bäckerbrot nicht eine Woche oder einen Monat haltbar ist. Aber das muss es auch nicht, in erster Linie muss es schmecken. Und das tut Schwammbrot nicht.

Pluralität der Menschen

Zweiter Gedanke: Endlich wieder Pluralität! Wir waren ja die meiste Zeit im ländlichen Raum unterwegs, und da gibt es in Oz fast ausschließlich nur weiße, europäisch-stämmige Menschen. Aborigine hab ich genau einmal gesehen – ausgerechnet in 1770, wo die Weißen das Land das erste Mal als Ihr Eigentum bestimmt haben. In den Städten ist das ein wenig besser, hier gibt es ein paar mehr Menschen, die nicht aus England und Irland kommen. Aber 92% der Bevölkerung ist europäisch, 85% von den britischen Inseln. Gruselig! Ich bin so froh, dass es in Deutschland Italiener, Türken, Kroaten, Polen, Syrer, Russen und ganz viel andere Menschen gibt, die nicht alle die selbe dumpfe Leid-Kultur haben. Bayrische Folklore ist ja nett, aber Döner und Pizza find ich auch toll, und nur konservative Lederhosen-Bierschädel um mich rum würde ich nicht ertragen!

Pluralität der Tiere

Was ich allerdings ganz sicher vermissen werde: Die Pluralität der Fauna. So viele verschiedene Tiere, und in solchen Mengen! Von faszinierenden Spinnen über die allgegenwärtigen Magpies (schwarz-weisse Krähen), Truthähne, Ibisse, Leguane, bis hin zu den Kängurus! Überhaupt: Nicht nur auf Heron Island gab es viele Vögel, überall im Land singen die unterschiedlichsten Flugtiere von den Bäumen. So war das bei uns auch einmal, vor Glyphosat, Flächenversiegelung, Moortrockenlegungen, Flussbegradigungen, etc.

Alle reden ja immer davon, den ländlichen Raum stärken zu wollen. Ob das wirklich der richtige Weg ist? Muss ganz Deutschland vollständig besiedelt sein? Oder wäre es nicht besser, wenn die Menschen sich größtenteils in die Städte zurück ziehen, mit einem landwirtschaftlichen Gürtel außen rum, und massiver Ausweitung der Nationalparks? Auf Dauer geht das so, wie wir es in Deutschland machen nicht gut. Das mit der Wiederansiedlung von Wölfen und Bären wird auch relativ bald zu Problem werden, wenn die keine Rückzugsräume haben, und zwangsläufig immer wieder auf Menschen und deren Vieh treffen. Siehe „Problembär“. Oder „Problem Mensch“?

Sauberkeit

Australien ist so sauber! Öffentliche Toiletten, Parks, Strassen – klar ist auch nicht überall alles geschleckt, aber im Vergleich zu München ist es hier extrem sauber. Ein Beispiel: Auf den Campingplätzen stehen Wischmops, mit denen man bitte nach dem Duschen die Kabine durchwischt – und das machen die Leute offensichtlich. Auf die Idee käme bei uns keiner. Öffentliche Toiletten kann man in der Regel ohne Erbrechen benutzen. Und öffentliches Eigentum wird auch nicht so vandalisiert wie bei uns. Irgendwie verstehen die Menschen hier, dass die Dinge jedem gehören, und nicht irgendeinem abstrakten Staat, der das schon wieder reparieren wird.

Public Service

Der Staat kümmert sich um das Wohlbefinden der Menschen. Und damit meine ich nicht das Sozialsystem – dazu kann ich nichts sagen, aber es kann nicht so schlecht sein. Man sieht wenig arme Menschen, und es sind nicht die meisten Menschen irgendwie verkrüppelt wie in den USA, wo sich der Großteil der Bevölkerung keine Vorsorgeuntersuchungen leisten kann, und erst recht keine künstlichen Hüften oder so einen „Luxus“.

Ich meine die kleinen Dinge. Öffentliche Grillplätze. Nicht wie bei uns: Hier kannst Du grillen, wenn Du Dir Deine Kohle mitbringst. Sondern so: Hier ist ein Gasherd mit Grillwanne. Drück den Knopf, und der Grill wird warm. Wäre schön, wenn Du danach sauber machst. Kelle dafür hängt meistens mit dran. Und sie wird auch genutzt, alle BBQs, die ich gesehen habe waren sofort benutzbar. Das Gas wird von der Gemeinde bezahlt, man braucht außer Grillgut und Tellern/Besteck nichts mitzubringen. Total schöne Sache!

Oder, habe ich bereits erwähnt: In Brisbane der öffentliche, kostenlose Pool.

Die kostenlosen Campingplätze in den National Parks. Klar, Duschen gibt es da nicht, und nur ein Klo mit einem tiefen Loch drunter. Aber: Sauber.

Strassen

Total entspanntes Autofahren. Klar, 110 km/h auf der Autobahn ist *pfff*… langsam. Mit dem Camper stört das sicher nicht so viel wie in einem BMW, der das im Standgas fährt. Aber: Alle fahren genau gleich schnell. Auch die Laster. Kein Gedrängel, kein permanentes Beschleunigen und Bremsen. Und kein „20 über Tacho basst scho“. Tempomat rein, Wecker stellen, pünktlich ankommen.

Dafür gibt es hier offensichtlich echte Probleme mit Einschlafen am Steuer – überall wird gebeten regelmäßig Pausen zu machen. Aber ohne das jetzt nachgeprüft zu haben, und mir über die Validität eines direkten Vergleiches von Apfel und Birnen Gedanken zu machen: Ich behaupte, es passieren weniger Unfälle. Und der Spritverbrauch ist deutlich geringer.

Ja, ich fahre auch gerne mal (wenn mir entsprechendes Fahrzeug ausnahmsweise mal in die Hände fällt) 230 Sachen. Macht Spaß. Aber macht es Spaß ständig hinter einem Laster von 80 km/h rauf zu beschleunigen, und im Rückspiegel kommt bereits der Benz mit Dauerfernlicht angeschossen?

Patriotismus

Ich bin ja generell bei diesem Thema sehr kritisch – ich habe Nationalismus nie verstanden, und auch Patriotismus hat bei mir immer diesen ausgrenzenden Beigeschmack.

Buy local macht aus vielen Gründen total Sinn. Aber wenn auf der Hälfte der Lebensmittel drauf steht, das über 90% der Inhaltsstoffe aus Australien kommen, dann wirkt das für mich schon befremdlich. Und erst Recht, wenn der Hersteller, der damit wirbt dann z.B. dieser kleine, unbekannte Getränkeabfüller aus Atlanta, Georgia ist. Der – ich hab das mal recherchiert – nicht australisch ist.

Bei riesigen, bunten Schildern „Proudly 100% Aussie owned“ auf dem Dach kriege ich Gänsehaut. Aber vielleicht bin ich da auch zu empfindlich? Der australische Patriotismus hat für mich aber zu viele „Make America dumb great again“-Züge. Und wenn man ab und zu mal indonesische Produkte kaufen würde, dann müsste man vielleicht auch nicht so oft auf Flüchtlingsboote von dort schießen.

Aber wir sind ja genauso doof, afrikanische Märkte mit hochsubventionierten Billigprodukten überschwemmen, Diktatoren finanzieren und dann mit großen Krokodilstränen betrauern, dass so viele Afrikaner im Mittelmeer ertrinken.

Mode

Die Mode ist lustig. Man ist kein Aussie, wenn man geschlossene Schuhe trägt. FlipFlops sind zu jeder Gelegenheit ein akzeptiertes Schuhwerk. Dazu trägt man Tattoo – das ist hier noch viel verbreiteter als in Europa.

Als cooler Surferdude fährt mit dem Skateboard. Ziel ist natürlich immer der Beach, darum trägt man Badehose und Trägershirt. Dazu entweder Vollbart oder lange Haare. Ist man kein Surfer, dann darf es gerne auch mal etwas ausgeflippt sein, z.B. rosa Kniestrümpfe zu kurzen Hosen und mit kanariengelben Handtuch als Kopftuch. Egal wie, individuell und auffallend geht immer – sehr sympathisch!

Sprache

Hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Ab und zu passiert es, dass ich in den „Lächeln und Winken“-Modus gehe, und dann Gabi anschaue: „Was hat der gesagt?“. Aber im Allgemeinen versteht man die Mates gut. Jeder ist ein „Mate“, egal ob Mann oder Frau, und im Gegensatz zu „Alda“ bei uns ist das nicht cooles Jugendsprech, auch die Oma nennt jeden Mate.

Man sagt auch nicht „How do you do?“ wie in England, es heißt grammatikalisch fast korrekt „How you going?“. Die korrekte Antwort darauf scheint „fantastic“ zu sein, soweit ich das verstanden habe.

Sehr kenianisch wie „Hakuna Matata!“ mutet der ebenso häufige Spruch „No worries!“ an. Im Gegensatz zum brummeligen „Basst scho“ der Bajuwaren sagt man das aber immer mit einem Grinsen im Gesicht. Allgemein sind die Aussies extrem gechillt und unhektisch. Das kann aber daran liegen, dass wir wie gesagt im Wesentlichen auf dem Land waren. Ein Melburian oder ein im Stau stehender Sydneysider mag das anders sehen…

Nicht verwechseln darf man Hinterland und Outback: Die Gegend hinter der Sunshine Coast (die wir passenderweise nur im Regen erlebt haben) heißt „Hinterland“, dort gibt es kleine touristische Dörfer in den nördlichen Ausläufern der „Great Dividing Range“. Das ist der Gebirgszuges im Osten des Kontinents, zwischen den und den Pazifik sich 2/3 der Bevölkerung drängelt, während der Rest des Landes sehr spärlich besiedelt ist.

Die absolute Spezialität ist aber das Abkürzen: Niemand sagt Breakfast. Das heisst Brekkie. Brisbane ist Brizzie, Bundaberg Bundy. Weihnachten ist Chrissie, der Abend ein evo, an dem es exy ist, wenn es teuer wird. Und Good Day wird niemals, unter keinen Umständen ausgesprochen! G’Day Mate heißt das. No worries!

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