Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Farewell, European Britain

Heute ist unser letzter Tag im europäischen Großbritannien. Das nächste Mal, wenn wir die Insel besuchen, dann wird das Ausland sein, vielleicht brauchen wir dann sogar ein Visum. Ob sich viel ändern wird? Schon heute fühlt es sich wie Ausland an: Passkontrolle, andere Währung, andere Straßenseite, andere Stromstecker. Und es fühlt sich immer mehr wie weit weg von Europa an.

Mag das UK auch derzeit Nettozahler in der EU sein, vom Lebensstandard konkurriert das Land eher mit Rumänien als mit Deutschland. Die Wohnungen haben sich von der elektrischen und sanitären Ausstattung seit meinem ersten Besuch in den 90er Jahren praktisch nicht verbessert, Mischbatterien z.B. sind weiterhin praktisch unbekannt. Immer noch gibt es fast überall einen Hahn für kochend heißes und einen für eiskaltes Wasser. Gabi kämpft in jedem Hotel erneut mit dem Asthma, weil überall moderiger Teppich verlegt ist und selbst jetzt im Hochsommer die Wände oft nicht vertrauenerweckend aussehen. 

Die Straßen sind klein und es gibt zu wenig Schnellstraßen. Immer wieder geht mir durch den Kopf: „Die Insel ist gar nicht so groß, die Straßen sind nur so schlecht!“.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Großbritannien, ich war oft hier, habe sogar eine kurze Zeit in London gewohnt. Aber es kommt mir hier immer mehr so vor, als wäre ich in Ägypten oder Italien: War einmal ein Weltreich, das modernste und mächtigste Land der Welt. Aber das ist lange her, es will nur aus den Köpfen nicht raus: Wir, die stolzen Briten, Beherrscher des größten Empire aller Zeiten, wir sind die Krone der Schöpfung!

Wieso ich das so ausführlich schreibe? Einerseits, weil ich die Briten liebe, die Sprache, den Humor, die Geschichte, und ich sicher bin, dass die gerade den größten Fehler Ihrer Geschichte machen. Andererseits vermutlich auch deswegen, weil die rassistischen, antifreiheitlichen, antiwissenschaftlichen Penner von der UKIP heute in Eastbourne einen Stand aufgebaut haben und gegen Europa hetzen.

Leave means leave

Das Programm ähnelt dem der AFD oder der Trump-Republikaner: Steuererleichterungen für Reiche, Klimawandel ist eine Lüge, staatlich bestimmte Einheitskultur, Geld von der Sozialhilfe zur Armee umlenken, Ausländer und Intellektuelle (im Sinne von „benutzen Ihren Intellekt auch“) bekämpfen. Details siehe Wikipedia.

Da gefällt mir der Stand schon eher – allerdings nicht, weil er die deutsche Flagge zeigt.

Deutsche Wurst, gegenüber türkischer Kebap und arabische Delikatessen. Multikulti ist lecker!

Die UKIP findet heute viele Freunde, denn zu „Airbourne“, dem alljährlichen Flugfestival der Royal Air Force RAF, kommen viele Ex-Militärs im Rentenalter. Sie erfreuen sich an den Leistungen Ihrer glorreichen Armee, und feiern Ihre Überlegenheit. Gestern Abend hatte uns ein Herr stolz erzählt, welche Fluggeräte er heute zu sehen hofft. Von denen, die ich vom Namen her zuordnen konnte, waren alles amerikanische Boeing- und Lockheed-Modelle, und keines britisch…

Die Show beginnt erst um 13:00, und so starten wir den Tag langsam und besichtigen dann die Innenstadt. Dort gibt es natürlich jede Menge Shoppinggelegenheiten, und ich werde prompt dafür bestraft, dass ich nicht mitspiele und vor der Tür warte. Ich lerne heute: Eine Möwe ist nicht nur viel größer als eine Taube, sie macht auch viel größere Haufen. Bah, ist das widerlich, an Arm und T-Shirt ein warmer, stinkender Vogelscheiße-Klecks im XXL-Format! Die Jungs vom arabischen Deli-Truck kommen mir mit feuchtem Küchenpapier zur Hilfe, während ich noch entsetzt und fluchend zum Vogel auf dem Baum über mir starre.

Am Strand geht es schon richtig zu, obwohl wir vom Zentrum des Geschehens 2km weg sind – am Riesenrad am westlichen Teil der Strandpromenade ist eine Militärausstellung mit Flugsimulatoren und Werbeständen der Armee. Die Älteren sitzen in Rollatoren und Rollstühlen oben an der Promenade, die Jüngeren vergnügen sich im Wasser. Was genau passieren wird, das erfährt man nur, wenn man ein Programmheft für vier Pfund kauft. Auf der Webseite steht nur, dass es um 13:00 mit einer furiosen Fallschirmshow beginnt.

Tatsächlich kreist eine einmotorige Maschine pünktlich mehrmals über den Strand, und irgendwann springen sechs Menschen von Bord.

Mit Rauch und Flaggen kreisen sie ein paar Mal, bis sie am Zentrum der Show landen. Das war es dann auch erst mal, und als ich mir die Highlights des Vortages auf der Webseite anschaue, da steigt in mir die Vermutung auf, dass das schon das Spektakulärste war. Sind wir Großstädter so sensationsverdorben und durch Medienüberflutung abgestumpft, oder habe ich irgendetwas verpasst? Wieso versammeln sich hier Zehntausende Menschen und warten stundenlang, als würde Elvis gleich auftreten? So wie ich das verstehe, fliegt jetzt hier alle halbe Stunde mal ein altes Flugzeug vorbei. Enttäuschend gehen wir Richtung Auto, und bis halb Zwei, als wir weiter fahren ist nichts weiter passiert.

Unser letzter Programmpunkt für die Insel ist Canterbury. Ich freue mich auf den Geist, bis Gabi mich kopfschüttelnd ankuckt, und mir den Unterschied zwischen Canterbury und Canterville erklärt. Oops, peinlich! Dann halt Kirche kucken, und nicht Geisterschloss… wobei, beides sehr ähnlich: Man behauptet, da wäre etwas, aber da ist nichts.

Der Weg dorthin geht entweder oben oder unten rum über A-Roads, also das, was man bei uns Bundesstraßen nennen würde. Oder über die kleinen Strassen, die gewunden und schnuckelig auf mehr oder weniger auf direktem Weg nach Canterbury führen. Da auf der A-Road dichter Verkehr ist, und laut Google Maps die kleinen Straßen nur 5min länger dauern biegen wir aus dem Stop-And-Go aus.

Die Strassen sind oft abenteuerlich klein, und bei Gegenverkehr trennen gelegentlich nur Millimeter die Außenspiegel voneinander. Aber die Natur ist wunderschön und die Dörfer schnuckelig. Mittagessen müssen wir bei Tesco holen, die Restaurants haben inzwischen die Mittagsküchen geschlossen. Dafür snacken wir bei bester Aussicht auf Felder und Weiden.

Peinlich berührt von meinem Canter-Lapsus lasse ich mir auf der Fahrt noch ein wenig Grundwissen aus Wikipedia über die Stadt und Thomas Becket vorlesen. Der Erzbischof hat sich im 12. Jhdt. mit dem König angelegt, es ging um die Frage, die im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche immer noch für Diskussionen sorgt: Wer richtet kriminelle Geistliche? Der König will keine Immunität für Priester, Becket besteht darauf, und nach jahrelangem Streit verliert der König die Geduld und ordnet an Beckets Lebenende vorzuverlegen. Hätte er sich allerdings wirklich durchgesetzt, dann würden heutzutage Kinderschänder bestraft, und nicht einfach an neue Wirkungsstätten versetzt. Schade!

Die Kathedrale ist eindrucksvoll, aber bleibt vorerst verborgen. 12,50 Pfund will die Kirche pro Nase sehen, damit man sie besichtigen kann. Und da außen herum Mauern und Häuser die Sicht verdecken, muss jeder zahlen, der das faszinierende Bauwerk erblicken will. Wir wollen das, aber nicht zu dem Preis, und so gehen wir zurück zum Auto, aber auf der anderen Seite rund um das 1000 Jahre alte Gemäuer. An der Ostseite an der Mauer steht eine Tür offen, hier kontrolliert niemand, und so sehen wir die Canterbury Cathedral doch. Zwar nur von außen, denn rein darf man nur zum Gottesdienst – Renovierung. Aber immerhin, und mit zusätzlicher Freude darüber, der Kirche eins ausgewischt zu haben!

Der ganze Ort ist so heilig, selbst die nichtsakralen Gebäude haben einen Heiligenschein – siehe Bild rechts unten!

Nun wird es spät, wir nehmen jetzt die A-Road zum Hafen, und erwischen gerade noch die 19:15-Fähre nach Calais. Das ganze ging so schnell, dass wir bis zur Mitte des Kanals nicht wissen, ob wir jetzt auf der Fähre nach Calais oder Dunkerque sind – Ferry Surprise!

Und so verabschieden wir uns mit tränenden Augen von einer europäischen Insel, die wir vermutlich nie wieder als solche sehen werden.

Goodbye, European partners and friends, it was nice while it lasted. I hope that we will remain friends. Lots of love!

Morgen geht es – wie aus Trotz – nach Brüssel, und bevor wir Sonntag zuhause ankommen, will ich noch ein wenig sehen. Der Urlaub ist noch nicht zu Ende!

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