Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Offene Grenzen sind Mega

Direkt hinter unserem Hotel in Arlon, Belgien erreichen wir das Land Luxemburg. Die Stadt Luxemburg ist hübsch, aber bei einem BIP, das mehr als zwei mal so hoch ist wie in Deutschland hatte ich irgendwie mehr erwartet. Diamantbesetzte Strassen mindestens! 105.000 USD pro Nase und Jahr verglichen mit 45.000 in Deutschland, höchstes BIP pro Kopf der Welt, nochmal deutlich vor Platz 2 (Schweiz mit 80.000). Da ich aber mal schwer vermute, dass ein Handwerker in Luxemburg nicht viel mehr verdient als im benachbarten Saarland, muss es ein paar sehr einkommensstarke Menschen in dem Land geben. Irgendwo müssen die reichen Deutschen ja ihre vielen Milliarden parken, die sie nicht versteuern wollen, und daran verdienen ein paar Luxe viel mit. Wie gesagt, es ist nicht alles gut in der EU.

Eigentlich wollten wir in der Stadt frühstücken, aber wie schon gestern vor Brüssel finden wir nichts. Mir dünkt, dass es hier nicht üblich ist, Frühstücken zu gehen. Schließlich holen wir uns Tankstellen-Pizza und Croissants bei der Aral, weil es dort nicht mal belegte Semmeln gibt. Die Tankstelle ist in einem kleinen Dorf an der Mosel namens Schengen.

Helmut Kohl und Francois Mitterand hatten beim Abendessen bei viel Wein mal so eine Idee. Wie wäre es denn, wenn die deutsche und die französische Polizei einander vertrauen würden und eng zusammen arbeiten? Dann bräuchte man ja eigentlich an der Grenze nicht mehr lange Schlangen, die die Wirtschaft sehr viel Geld kosten und den Bürgern tierisch auf den Senkel gehen. Irgendjemand muss dann gesagt haben: Das geht doch nicht! Und Kohl und Mitterand haben sich angeschaut, und genickt, und gesagt: „Halt mal mein Bier“…und zwei Monate später gab es keine Grenzkontrollen mehr zwischen Deutschland und Frankreich. Im Jahr drauf, es war inzwischen 1985, haben dann eine ganze Menge anderer Länder mitgespielt.

Jetzt bin ich ja kein Freund von Helmut Kohl, das war ein korrupter, erzkonservativer Mensch, der das mit der Würde des Menschen auch nur für weiße, heterosexuelle, deutsche Männer gelten lies. Aber eines muss man ihm lassen: das war ein Politiker mit Überzeugungen und Visionen, und er hat seine Überzeugungen und Visionen umgesetzt. Das würde ich mir von deutschen Politikern mal wieder wünschen: positive Visionen! Kein „Schaumermal“ und „Alternativlos“, sondern „So stelle ich mir die Zukunft vor, und das setze ich um“. Das gibt es leider nur noch von den Rechten als negative Visionen: Wir bauen eine dicke Mauer um uns rum, und fürchten uns vor der Welt!

Heute schwimmt an der Stelle, an der damals auf einem Schiff auf der Grenze zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde friedlich ein Schwan. Am Ufer der Mosel liegt ein Museumsboot und ein Europamuseum, Stücke der Berliner Mauer und ein Flanierweg mit Geschichte-Schautafeln.

Die Kinder können sich nicht mehr vorstellen, wie es früher war, als man an der Grenze nach Österreich eine Stunde im Stau stand und das Auto durchsucht wurde. Sie verdrehen die Augen und denken sich offensichtlich, der verrückte alte Opa erzählt wieder vom Krieg. In ein paar Jahren kann sich keiner mehr vorstellen, wie es war, im Ausland umständlich SIM-Karten mit teurem Internet kaufen zu müssen. Viele der Menschen, die heute CSU oder AFD wählen und auf die EU schimpfen, würden ganz schön blöd kucken, wenn die Grenzen plötzlich wirklich wieder dicht wären.

Wir fahren über die Mosel und sind ohne einfach so wieder in Deutschland. Das Moselufer hoch geht es, und direkt wieder bergab zur Saar. Hier gibt es einen Bergwipfelweg, und den setze ich noch gegen die „Ich will aber nach Hause“-Fraktion durch. Kurz darauf bin ich mir nicht so sicher, ob das klug war. Mit Höhenangst ist so ein wackliges Holzgebilde hoch in der Luft eine ganz schöne Überwindung…

Von der Aussicht bekomme ich gar nicht so viel mit, eigentlich schade, die ist nämlich echt nett:

Jetzt darf ich nur noch einmal zum Mittagessen anhalten, und auch hier regt sich schon Protest. Dabei sind wir in Landau doch schon beinahe zu Hause, am Marktplatz begegnen wir schließlich dem guten alten Luitpold, seines Zeichens bayrischer Prinzregent:

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