Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Mit Schiffen radeln – Teil 8 – Im Sand spielen

Durch den hübschen Freizeitpark Erftaue, und dann über Feldwege geht es heute immer weiter weg vom Fluss, hin zu einem zukünftigen See: Dem Tagebau Hambach. Das 85 Quadratkilometer große Areal ist auf der Luftkarte selbst dann noch zu sehen, wenn man auf Google Maps ganz Deutschland im Blick hat.

Von der auf etwa 100m Höhe gelegenen Aussicht blickt man bis zu 400 Meter in die Tiefe, der tiefste Punkt ist 299m unter Normalnull.

Da es schwer fällt, die Dimensionen zu begreifen, habe ich mal zum Größenvergleich einen Bagger nah rangezoomt, und dann das mal übereinander montiert.

Nun kann man natürlich sich darüber aufregen, wie die böse RWE hier die Natur zerstört und sofortigen Stopp des Kohlebergbaus fordern. Aber irgendwie muss der Strom ja in unsere Steckdosen kommen, und wenn wir nicht wollen, dass hier unsere Erde aufgerissen wird und dahinter die gewonnene Kohle direkt verbrannt wird, mit Feinstaub und CO2 und allen Folgen, dann hilft nur weniger Strom verbrauchen.

Vorne gefördert, hinten verheizt

Unabhängig von der Zerstörung der Umwelt ist das Ganze natürlich schon auch absolut beeindruckend. Von oben sieht es so langsam und entspannt aus, aber wenn man näher ranzoomt, und nachliest, dass jede dieser Schaufeln 6,6 Kubikmeter Volumen hat, dann ist das eine gewaltige Menge Erde, die hier jede Sekunde aus dem Boden gerissen wird.

Bahn um Bahn wird hier im Süden abgetragen, mit Förderbändern weggeschafft, die Braunkohle wird direkt zum Kraftwerk geschafft, der Abraum im Norden wieder abgeladen. Und wenn 2040 die Genehmigung ausläuft, dann wird das Loch geflutet werden. Das wird allerdings vermutlich dieses Jahrhundert nicht fertig werden, schließlich wird der neue See fast so groß wie der Bodensee sein.

Weiter geht es Richtung Norden zum etwas kleineren Tagebau Garzweiler. Es geht über Felder und Wiesen, durch kleine Dörfer, an schönen Windmühlen vorbei, und die Bussarde haben heute Großkampftag. Leider sind alle Bilder der schönen Raubvögel verwackelt oder unscharf.

Windmühlenidylle zwischen Tagebaulöchern

Die Idylle wird ein wenig getrübt von den zwei Kraftwerkkomplexen, die im Osten dicke Wolken in den Himmel pusten. Aber auch hier gilt: Solange wir so viel Strom verbrauchen, muss der produziert werden.

Garzweiler hat einen kleinen Skywalk als Aussichtsplattform, aber hier ist so viel los, dass ich nicht bis ganz nach vorne durchkomme.

Skywalk Garzweiler

Nach Hambach erscheint Garzweiler zwar nicht klein, aber es ist doch deutlich weniger tief hier.

Über Mönchengladbach, Kaarst und Neuss fahre ich zurück zum Rhein, den ich nun noch ein letztes Mal (auf dieser Radtour) überquere. Durch die südlichen Außenbezirke von Düsseldorf komme ich zu dem vollkommen überfüllten Bahnhof, und will meine Rückfahrt buchen. Leider sind jedoch alle Fahrradstellplätze komplett ausgebucht, ich könnte nur noch morgen Nachmittag fahren. Dann wäre ich allerdings erst Sonntag Abend um 22:30 zu Hause. Ich würde allerdings gerne bevor ich Montag wieder arbeiten gehe noch ein wenig entspannen. Flixbus nimmt keine E-Bikes mit, und Hermes verschickt zwar Fahrräder, aber wer verpackt mir das Rad Samstagnachmittag?

Also ab zum Flughafen (Ha, so kriege ich die 100km heute doch noch voll!), die schlaue Check24-App ortet dort einen Wagen, den ich für 48€ nach München fahren darf. Mit Sprit und Upgrade auf Passat kostet mich die Heimfahrt 110€, und da man bei modernen Autos ja nur noch ein bisschen mitlenken muss, bin ich auch ohne weitere Zwischenfälle kurz nach Mitternacht wieder zu Hause. Irgendwie traurig, dass ich die hart erarbeitete Strecke der letzten acht Tage mal eben in sechs Stunden wieder heimdüsen kann.

In Düsseldorf scheinen übrigens alle den Start der dortigen Sommerferien zu feiern, jeder Zweite hat eine Bierflasche in der Hand, und ich fühle mich, als wäre die ganze Stadt eine einzige Partymeile! Schade irgendwie, dass die geplante Heimreise mit dem Nachtzug nicht geklappt hat, ich hätte mir gerne noch mehr von der Stadt angesehen (Ich habe gefühlt nur die hässlichen Ecken gesehen). Aber wenn ich nicht die Verkehrstotenstatistik hochschrauben will, dann sollte ich losfahren, solange ich noch wach bin, außerdem kann die Stadt nicht so schön sein wie die Frau, die mich zuhause erwartet!

Fazit

826 Kilometer in knapp 43 Fahrstunden an acht Tagen, dicke Oberschenkel und Wadln, fünf Kilo abgenommen, 650 Fotos geschossen, halbe Tube Vaseline mit Ringelblumentinktur verbraucht, 150 Euro Check24-Gutscheine eingelöst, unvergessliche Eindrücke. Und wieder was auf die harte Tour gelernt: Bei solchen Touren muss man spätestens nach 4 oder 5 Tagen einen Ruhetag einlegen, auch wenn das die Statistik versaut und man eh immer zu wenig Zeit hat. Meine Knie, Schultern und Ellenbogen rufen nun Pause, aber vor allem meine linke Achillesferse ist jetzt entzündet, und in Düsseldorf hätte ich also eine Zwangspause einlegen müssen. Ich fürchte morgen geht es mit der Bahn in die Arbeit.

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1 Kommentar

  1. Margarethe Reifinger 2018-07-16

    WOW!!!!

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