Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Starliner OFT-2

Nachdem wir schwitzend aus dem Sumpf kommen, geht es weiter nach Osten, zum kleinen, beschaulichen Küstenort Titusville. Der Ort an sich wäre nicht weiter interessant, und wenige Menschen würden hier anhalten.

Vor dem Ort liegt der Indian River, der ist zwar wassersportlich interessant, aber auch nicht der Grund, weswegen die meisten Besucher hierherkommen.

Der Grund liegt auf der Halbinsel zwischen Indian River und dem Atlantik, und er manifestiert sich in diesem Gebäude:

Rechts neben der Windhose sieht man das Vehicle Assembly Building (VAB). 160 Meter hoch wurden hier die Saturn V-Raketen montiert, die die ersten Menschen zum Mond gefeuert haben, und auch das Space Shuttle wurde hier an den Booster montiert.

Heute interessiert uns etwas ein klein wenig links davon:

Die beiden Türme mit der weißen Spitze (Eigentlich sind es vier, aber die hinteren beiden sind von hier aus exakt hinter den vorderen) markieren Launchpad 41.

23 Kilometer ist das von hier entfernt, und weil es heiß und diesig ist, ist die Sicht nicht besonders gut.

Noch etwas weiter links sind Launchpad 39a und 39b, hier lässt Elon seine Raketen starten (und landen!). Leider ist der nächste Start erst in 6 Tagen, so lange können wir nicht warten. Aber es wäre, glaube ich, extrem cool, die Landung der Booster zu sehen.

Als wir ankommen ist hier noch wenig los, die Pelikane sind zahlenmäßig noch in der Mehrzahl.

Ruhig ziehen die Boote noch über den Fluss, und wir warten nervös, ob der heutige Flug stattfinden kann.

Eine Viertelstunde vor dem Start macht sich Aufregung breit. Die Air Force macht sich bemerkbar, und ein Raketen-Enthusiast erklärt der inzwischen ein wenig angewachsenen Menge, was hier passieren wird.

Noch ist der Countdown unverändert, 18:54 soll die Atlas V den Starliner von Boeing in den Orbit schießen. Das von der NASA in public/private partnership in Auftrag gegebene Raumschiff soll es der Regierung ermöglichen, endlich wieder selbst Astronauten zur ISS bringen zu können. Seitdem das Space Shuttle in den Ruhestand geschickt wurde, war die USA hier ja – welch Schmach für den Nationalstolz – von den Russen abhängig, bis SpaceX die Lücke gefüllt hat.

Orbital Flight Test 2 (kurz OFT-2) soll der letzte unbemannte (uncrewed) Flug sein, wenn alles gut geht, sollen beim nächsten Mal nicht nur Proviant, sondern auch Menschen an Bord sein. (Spoiler: Wird wohl noch einen Testflug geben, nicht alle Düsen haben so gezündet wie geplant)

Nur noch Sekunden, der Countdown läuft noch, wir starren ohne Augenzwinkern über den Fluss, bis die Augen schmerzen!

10, 9, 8, 7, Ignition, 5, 4, 3, 2, 1, LIFTOFF! Ein vielstimmiger Jubelruf, und die Kameras beginnen zu klicken.

Die Flamme ist so hell, dass es beinahe im Auge schmerzt. Es ist totenstill, bis der Ton uns nach etwa einer Minute erreicht, ist der Starliner schon weit über den Wolken.

Nach den ersten unscharfen Bildern schaffe ich es dann irgendwann auch die richtige Schärfeebene zu finden. Selbst unbearbeitet kann man dann auch etwas erkennen, und wenn man dann noch ein wenig die Software spielen lässt, dann kommen viel deutlichere Bilder raus, als ich aufgrund des Wetters und der Kompromiss-Kamera befürchtet habe.

Nach weniger als 2 Minuten ist das Spektakel vorbei, aber mein Herz schlägt deutlich spürbar und eine Träne kullert herunter. Was für eine unglaubliche Leistung, auch das zweite Mal verliert so ein Start nichts von der Faszination. Das Gefühl wird durch den inzwischen ebenfalls angekommenen Schall verstärkt. Ganz tief wummert es nach einem lauten Knall, aber vor lauter Begeisterung bekomme ich das kaum noch mit.

Am Ende bleibt nur die ausfransende Rauchsäule, und wir sind beide tief ergriffen!

Die 1500 Kilometer Fahrt haben sich gelohnt, auch wenn das Spektakel nur 2 Minuten dauert. Wahnsinn, wie geil ist das!

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