Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Walk 10 miles in my shoes!

Joe South wollte 1970 nur, dass man eine Meile in seinen Schuhen läuft. Wir laufen heute 10 Meilen, aber ich mache das dafür in meinen eigenen Schuhen. Für Leute, die nicht die halbe Schulzeit lernen, zwischen merkwürdigen mittelalterlichen Einheiten umzurechnen: 10 Meilen sind 16 Kilometer.

Wir nehmen aber zum Start erst die U-Bahn, die uns von Chinatown erst unter der Stadt durchfährt, und dann über den Potomac.

Dort steigen wir auch direkt aus, denn unser erstes Ziel heute ist das Pentagon, das Schaltpult des amerikanischen Militärs. Die Station ist passend militaristisch, vermutlich sieht es nicht nur so aus, als könnte man sie auch als Bunker benutzen.

Oben darf man nicht fotografieren, weswegen der geneigte Leser die nächsten Bilder bitte nicht ansieht!

Von hier wandern wir am Potomac entlang nach Norden, alle zwei Minuten von einem landenden Flugzeug überflogen. Die Flieger, die direkt südlich des Pentagon landen, können natürlich nicht direkt über dem weißen Haus überfliegen, und darum wird immer in einer S-Kurve gelandet. Bereits mit ausgefahrenem Fahrwerk wird das weiße Haus rechts umflogen, dann scharfe Linkskurve, scharfe Rechtskurve und Touchdown!

Direkt neben dem Pentagon ist ein schöner Park mit Jachtclub, allerdings wird der Park von einer ganzen Reihe gut befahrenen Straßen durchquert, über die wir rennen müssen.

Die Sonne brennt, ohne durch eine Wolke getrübt zu werden, herab, es hat 34 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit. Bis ich auf der anderen Seite des Flusses ein Cap kaufen kann (das am wenigsten patriotische im Angebot), habe ich bereits a bisserl viel Sonne abbekommen, am Nachmittag ist mir immer wieder ein wenig schwummrig.

Aber bis wir am Kiosk sind, müssen wir erst über diese Brücke, mit Blick auf links den Militärfriedhof Arlington, gerade aus die Kathedrale von Washington oben am Hügel, und rechts das Lincoln Memorial und die National Mall.

Wir machen eine kurze Pause, und am Kiosk, wo Menschen Essen fallen lassen, sind nicht nur kleine Vögel, sondern auch Ratten, und die locken dann die größeren Vögel an. Ob das jetzt ein Adler oder ein Bussard ist, weiß ich allerdings nicht.

Der Lincoln selbst ist ganz nett, besser ist aber die Aussicht von hier. Ich kann Martin Luther King (und Forrest Gump) vor meinem geistigen Auge sehen.

Herangezoomt sieht man gar nicht, dass es bis nach hinten zum Kapitol den Großteil einer Stunde Laufentfernung ist.

Und weil jeder hier wie in Pisa den Obelisken stützen muss, zeige ich Euch, dass der eigentlich in die Hosentasche passt:

Gleich nördlich vom Lincoln sitzt ein leicht verwirrter alter Mann verzweifelt auf einer Parkbank, und kommt mit seinen Gleichungen nicht klar. Ich stelle mich dazu, rechne nach, und kann ihm dann zeigen, wo er sich verrechnet hat: E gleich mc hoch zwei, nicht hoch drei!

Heureka! ruft er, und spring auf – „So macht das alles endlich Sinn!“. Er muss schnell los, eine Theorie aufschreiben. Das bekommt er aber auch allein hin, ich hab ja auch noch relativ viel vor heute.

Weil heute Memorial Day ist (Gedenktag für die gefallenen Soldaten), sind hier nicht nur Paraden und viele Touristen, sondern auch viele Veteranen. Und weil man ja nicht gerne selbstkritisch hinterfragt, ob das wirklich sinnvoll war, was man da angerichtet hat in den diversen Kriegen, scheint die Mehrzahl (oder die laute Minderheit?) voll auf der nationalistischen Hurra-Patriotismus-Welle von Donald Trump mitzuschwimmen. Wie schon mehrfach in den letzten Tag beobachtet, sind die Nachrichten, die ausgesendet werden rassistisch, anti-emanzipatorisch, gewalttätig und niveaulos. Und während ich schon bei alten weißen Männern nur schwer verstehen kann, wie man sich so radikalisieren kann, ist es mir bei Schwarzen vollkommen unverständlich. Aber es gibt ja auch schwule oder weibliche CSU-Wähler.

Entlang der Constitution Avenue, die wir gestern noch mit dem Auto befahren haben, paradieren heute die Militärs, darüber kreisen Hubschrauber, und auf den Dächern stehen Polizisten und haben alles im Blick. Homeland Security ist auch am Start, mit einer mobilen Kommandozentrale am Straßenrand.

Die, die am meisten für die Gesellschaft leisten, laufen hinter der Pferdestaffel her, und bekommen am wenigsten Applaus – sie tragen statt Gewehren Schaufeln und Besen.

In einer Nebenstraße steht ein Rallye-Auto, das ich eigentlich nur bemerke, weil man es nicht fotografieren darf.

Wir finden auch heute wieder einige schöne weiße Herrenhäuser, das Zweite kommt mir irgendwie bekannt vor.

Wir kurven noch ein wenig durch die Straßen von Downtown, sehen noch mehr richtig schöne Häuser, aber bald wird die Sonne auch mit Cap zu viel, und wir flüchten ins Museum.

Erst kurven wir durch das Natural History Museum (bekannt durch Ben Stiller, „Nachts im Museum“) und sehen Dinosaurier und den berühmten Hope-Diamanten.

Das ist mir ein wenig zu viel Edutainment, aber dafür haben sie eine Fotoausstellung mit wirklich hervorragenden Tierfotografien. Das allein war den Besuch wert. Wahnsinn, was für tolle Aufnahmen – einmal auch nur ansatzweise so eine Aufnahme hinkriegen! Dazu müsste ich aber viel geduldiger sein, teilweise haben die Fotografen mehrere Tage auf ein einzelnes Bild hingearbeitet.

Bevor wir in die National Art Gallery wechseln, geht es noch in den dazugehörigen Skulpturengarten, wo bereits spannende Dinge zu sehen sind. Und am Brunnen spiele ich mal wieder mit der Slow-Motion-Funktion meiner Kamera. Mir gefällt das Ergebnis.

Leider haben wir für die Art Gallery viel zu wenig Zeit, sie schließt schon um 17 Uhr. Wie immer ist viel ewig-gleiche christliche Malerei zu sehen, aber auch ein paar sehr schöne Werke. Und wenn Rubens den Pinsel schwingt, dann wird sogar christliche Malerei spannend. Der Typ war einfach ein Genie!

Am Abend kommen wir ein wenig aus der Touristen-Zone heraus, und hier sieht man auch die dunkle Seite von Macht und Reichtum. Wie in jeder Stadt, in der viele reiche mächtige Menschen wohnen, wohnen auch normale Menschen, die da nicht mithalten können. Bezahlbarer Wohnraum ist auch hier ein Problem, und auf der Straße leben viele Obdachlose in Zelten, Junkies laufen durch die Straßen.

Trotzdem begeistert mich diese Stadt, neben dem tumben Patriotismus und propagandistischer Heldenverehrung sind hier viel schöne Dinge zu sehen, wie z.B. das Graffiti auf dem Haus oben. Und die Hauptstadt als Bildungsstätte mit kostenlosen Museen zu bauen, ist auch eine Idee, die sich in Europa gerne mal durchsetzen dürfte.

Es war schön, das auch mal mit vernünftigen Temperaturen zu sehen, 2015 war es 30 Grad kälter. Dennoch sind wir nach dem Abendessen dann auch froh, die qualmenden Füße hochlegen zu können.

Oh, und noch ein Erlebnis, eher von der skurrilen Sorte: Beim Frühstück marschieren ein paar Frauen ein, die wirken, als ob sie vergessen hätten, sich vorher fertig anzuziehen. Aber wie sagt man so schön: andere Länder, andere Sitten! Darum reist man ja, um eben nicht immer nur dieselben Dinge zu sehen!

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