Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Blue Ridge Parkway II

In Virginia bin ich zurück im Schnee. Tagsüber ist es zwar bereits Frühling – schließlich ist seit heute Sommerzeit in (Teilen der) USA. Aber es liegt immer noch großflächig Schnee. Dafür ist es nachts nicht ganz so kalt, 0 Grad statt -4 machen enorm viel aus, ich schlafe durch.

Erneut nehme ich den Blue Ridge Parkway in Angriff, so ganz klar ist aber nicht ob die Strasse gesperrt ist oder nicht. An der Kreuzung steht „Road closed“, allerdings mit einem Blinklicht oben drauf, und das ist aus. Es sind zwar einige eisige Stellen und immer wieder Schneefahrbahn, aber kein Problem zu fahren. Die Masse ist aber abgeschreckt, und somit treffe ich auf 50km nur ein anderes Auto.

Auch die Trails sind absolut leer, das ist sehr erfreulich. Inzwischen dominieren die knorrigen Eichen ganz deutlich, jetzt im Winter sieht das aus, als ob hunderte Skelette ihre knochigen Hände aus dem Boden strecken. Gelegentlich sind richtig schöne, uralte Riesenbäume dabei. Der Boden scheint salzhaltig zu sein, gelegentlich kucken weiße Kristallsteine aus dem Boden, und ein kurzer Schlecktest bestätigt: Salzig.

Die Abwesenheit von Touristen erlaubt schöne Momente, so sehe ich immer wieder Rehe und andere große Tiere über die Strasse rennen. Ein Bär ist nicht dabei, aber ein Tier war glaube ich ein Wolf – ich habe es nicht gut genug gesehen, vielleicht war es auch nur ein Reh mit einem buschigen Schwanz. Oder ein entlaufener Hund? Ein Mal steht eine Rehherde direkt neben der Strasse und lässt sich geduldig fotografieren.

Kurz vor Roanoke ist dann Schluss mit Lustig, hier ist definitiv gesperrt. Ich fahre nach einer leckeren Essenspause bei Applebee’s über kleine Country Roads weiter Richtung Norden, da ich seit längerem kein Netz mehr habe ohne Navigation einfach π mal Daumen. Inzwischen fühle ich mich wirklich wie im bayrischen Oberland, durch Kuhweiden hügelt sich die einfache Strasse eng um alte Bäume und an den Häusern entlang. Nur die Pointe fehlt: Es ist wie Alpenvorland ohne Alpen. Die Hügel steigen zwar auf über 1500m, aber ohne Berge zu werden. Keine Kante und kein Fels ist zu sehen, alles ist rund und bewaldet.

Und immer noch bin ich im selben Ort: Seit South Carolina steht Haus an Haus – außer im Park. Von wegen geringe Bevölkerungsdichte und weite Wildnis. Der Mensch hat sich die Natur Untertan gemacht, ich vermute dass es wenige Orte in dieser Gegend gibt die weiter als 1km von einem Haus entfernt sind. Das stimmt mich sehr nachdenklich, wieso müssen wir Menschen ohne Not jeden Zentimeter Natur beherrschen? In Europa ist ganz klar die lange Geschichte und die Überbevölkerung der Grund, aber in den USA wäre genug Platz um noch viel mehr als bisher zu Naturschutzgebieten zu machen. Aber vermutlich ist es jetzt zu spät, jeder Quadratmeter gehört irgendjemandem.

Shenandoah National Park

Wem 750km Blue Ridge nicht reichen, der kann gleich weiter fahren. Der Skyline Drive führt durch den Shenandoah Park, und ist im Wesentlichen das Selbe, nur bergiger und somit nur mit maximal 35mph (56 km/h) zu befahren. Die Aussichten sind dafür wesentlich weiter, und das Fahren noch spaßiger. Auch hier ist nur ein Teil befahrbar, das ist auch gut so, ansonsten wäre ich versehentlich in die falsche Richtung gefahren – wieder Richtung Süden wollte ich nicht.

Richtung Osten sind es nur noch etwa 40km Luftlinie zum Potomac, aber die Landschaft geht bereits vorher ohne klare Grenze in den Himmel über.

Nach 50km Passstraße steht ein kleines Schild: Maximale Höhe 12 Fuß 8 Inch. Mein Wohnmobil ist aber 13 Fuß 6 Inch hoch. Danke, das hättet Ihr netterweise am Anfang der Straße auch aufstellen können und nicht erst am anderen Ende. Ich fahre bis zu dem kurzen Tunnel der zu klein ist und probiere es aus. Gaaanz langsam, genau in der Mitte des Tunnels – es ist eh kaum Verkehr. Und siehe da, ich passe durch. Auf zwei Stunden Umweg hatte ich bei einsetzender Dämmerung mäßig Lust. Puh!

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