Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Borrasca Filomena

Als am Freitag morgen auf den großen Hinweistafeln auf der Autobahn stand: "Schnee erwartet, vermeidet Fahrten", habe ich noch gegrinst. Ja, Spanier, die kennen halt keinen Schnee, und wenn mal ein bisschen Zucker auf der Straße liegt, dann ist Katastrophe. Ich fühlte mich an meine Zeit in London zurückerinnert, als die Zeitungen "Sibirische Schneekatastrophe – Verkehr bricht über Stunden zusammen" titelten. Dabei schmolz der Schnee sobald er den Boden berührte.

Aber mein überheblicher Spott wich, als ich Abends wieder nach Hause musste. Es hatte gegen Mittag angefangen zu schneien, und es lagen inzwischen locker 10cm Schnee. Meine beiden Standardrouten nach Hause waren beide bereits gesperrt, also musste ich durch Nebenstraßen meinen Weg suchen. Nicht einfach, denn oft standen bereits steckengebliebene Fahrzeuge auf den Straßen – Madrid ist ziemlich hügelig, Straßen ohne Steigung sind Mangelware.

Im Zickzack geht es durch die Stadt, und einmal wird es brenzlig als das Auto an einer steilen Stelle anfängt wegzurutschen. Glücklicherweise kann ich das Auto seitlich drehen, das reicht um am unteren Ende der Straße nicht in die geparkten Autos zu rutschen.

Nach einer Stunde (statt der üblichen 20min) bin ich zu Hause, und auch die letzte Hürde namens "steile Tiefgarageneinfahrt" wird gemeistert.

Währenddessen bangt meine Frau um ihren Flug nach München – sie sitzt bereits im Flieger, aber der Start wird immer wieder verschoben. Nach vier Stunden Warten steht der Flieger zum zweiten Mal enteist schon an der Startbahn als der Flughafen endgültig geschlossen wird. Nach weiteren drei Stunden sind sie durch den weiter starken Schneefall wieder zurück am Gate. Nun beginnt die Odyssee zurück nach Hause – die Metro in die Innenstadt fährt noch, aber jetzt weit nach Mitternacht fährt keine S-Bahn zu uns mehr.

Es schneit die ganze Nacht weiter, als am Morgen die erste S-Bahn auch nicht fährt schlägt sie sich zum Busbahnhof durch. Nach mehreren Stunden Warten ist klar: Heute fährt nichts mehr. Nur 6km von zu Hause entfernt gibt es keine Möglichkeit zu mir zu kommen. Die S-Bahn-Gleise sind bis fast zur Plattform gefüllt, und auch unser Balkon ist jetzt voll.

Es schneit bis zum nächsten Abend weiter, die meisten Geschäfte öffnen nicht, die Straßen sind unpassierbar, nicht nur durch Schnee, sondern auch durch viele umgestürzte Bäume und liegengebliebene Autos. Mein Versuch Gabi mit dem Auto abzuholen scheitert schon am Tiefgaragentor, das frierend und beleidigt den Betrieb eingestellt hat.

"Borrasca Filomena", das Filomena-Sturmtief, hat ganze Arbeit geleistet. Nach 30h Schneefall liegen 60cm Schnee und die Stadt steht still.

Der Morgen danach

Am Sonntagmorgen ist der Sturm zu Ende, die Wolken sind weg, aber der Schnee liegt noch immer. Waren gestern schon die großen und kleinen Kinder mit Schlitten unterwegs, so ist heute Volkswandertag. Das Garagentor an der Ausfahrt ist immer noch defekt, aber heute geht das an der Einfahrt wieder auf.

Die ersten Meter will ich schon wieder umdrehen, mehrmals bleibe ich stecken und muss mich "rausschaukeln". Aber nachdem ich den Hügel passiert habe und auf der Autobahn bin geht es vorwärts – jetzt ist weniger der Schnee die Hürde, sondern mehr die Fußgänger, die ungern zur Seite in den tiefen Schnee gehen. Gut, dass vor mir ein weiterer mutiger Fahrer ist, der das Hupen für mich übernimmt.

Das Gebäude mit den spitzen Zinnen ist die Zentrale der spanischen Luftwaffe, direkt dahinter liegt das Hotel in dem Gabi Zuflucht gefunden hat. Mir graust vor der steilen Straße dort rauf, die nicht geräumt ist, doch alles geht gut. Am Busbahnhof am Siegestor ist die ganze Kreuzung voller Menschen, die eine Mitfahrgelegenheit suchen. Einer muss auch nach Aravaca, den packen wir mit ins Auto.

Die Fahrt zurück ist schon leichter, ein paar Stellen an der Autobahn sind inzwischen geräumt, und der Schnee schmilzt in der Sonne wie Butter. Dennoch bin ich froh, als wir zu Hause ankommen und das Auto wieder in der Garage steht – da soll es jetzt auch gerne erst mal bleiben!

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