Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

La Manga del mar menor und Cartagena

Meine Frau wird mir immer unheimlicher. Ich bin ja der mit dem Urlaubs-ADHS – immer weiter, mehr sehen, immer auf der Suche nach der nächsten tollen Sache. Heute sage ich: ich würde durchaus noch einen Tag dranhängen hier, noch ein bisschen Strand und Pool und Strandbar. Aber die Chefin entscheidet: Ich will weiter.

Na gut, dann geht es weiter, zuerst die verbleibenden 15 km der Gran Via bis zum äußersten Ende der Manga. Hier ist letzter Verbindungskanal zwischen Innen- und Außenmeer, es folgen noch wenige hundert Meter Insel, dann klafft ein 500 m breiter Kanal mit vielen kleinen Inselchen. Auf der anderen Seite schließt eine spiegelverkehrte Halbinsel an, aber viel kürzer und breiter.

Der kleine Verbindungskanal ist nur breit genug für SUPs, dafür ist die Brücke aber hoch genug für Boote. Nur nicht breit genug, und so geht es steil nach oben, über die Kuppe und wieder steil nach unten. Man könnte hier den schmalen Grat zwischen Spaß und kaputter Achse ausloten, aber ich spüre den bösen Blick auch ohne zum Beifahrersitz zu kucken. Also geht es vorsichtig und verkehrssicher über die Schanze.

Nach einem kurzen Spaziergang kehren wir um, und fahren zum größeren Kanal 2 km südlich. Hier ist nicht nur reger Schiffsverkehr, sondern auch ordentlich Gezeitenstrom, das Wasser rauscht hier ordentlich in Richtung Mittelmeer.

Wir halten immer wieder mal an auf dem Rückweg die Landzunge entlang. Es ist faszinierend, wie flach die Landzunge ist, und wie schmal an einigen Stellen. Auf dem Panorama sieht man beide Meere:

Unser nächster Halt ist ganz am Ende von La Manga, das Cabo de Palos mit Hügel und Leuchtturm oben drauf. Von hier hat man eine schöne Aussicht in alle Richtungen, und man kann unten am Strand den Schwimmern und Schnorchlern zuschauen.

Auf der Fahrt Richtung Landesinnere hat man auch nochmal eine schöne Aussicht:

Die Erde ist leuchtend rot, das Meer tiefblau, richtig schön! Es gibt so viele Stellen in Europa, die richtig schön sind, und trotzdem kaum bekannt. Es muss nicht immer Arizona sein, wenn man Sehnsuchtsorte braucht!

Cartagena

Es waren einmal ein paar phönizische Siedler aus dem heutigen Libanon, genauer aus Tyros, die eine "neue Stadt" gründeten. Und so nannten sie sie auch: "Qart-Ḥadašt". Die neue Stadt lag nahe des heutigen Tunis in Nordafrika, gegenüber von Sizilien. Als tüchtige Kaufleute schufen sie alsbald ein neues Reich, und wurden Punier genannt.

Karthago nennen wir die Stadt heute, und jeder hört im Geschichtsunterricht von ihr. Die Punier gründeten viele Städte entlang der Küste, eine der wichtigsten war: "Qart-Hadašt" – richtig, sie nannten die Stadt einfach wieder "neue Stadt". Lage: Iberische Halbinsel, Südostküste. Inzwischen hat sich der Name gewandelt, und die Stadt heisst Cartagena. Hier gab es große Silbervorkommen, und so wuchs die Stadt bald an und wurde immer bedeutender.

218 v. Chr. landete in diesem Hafen eine karthagische Flotte mit einem Feldherren, dessen Name unsterblich werden sollte: Hannibal. Den Schiffen entstiegen 50.000 Fußsoldaten, 9.000 Reiter und die Geheimwaffe: 37 Kriegselefanten. Ziel der Reisegruppe war aber nicht Santiago de Compostela, sondern das ferne Rom – 1.990 km, mehrere große Flüsse und zwei Gebirge entfernt.

Die nächsten Jahre eroberten sich die Truppen durch die römischen Provinzen bis zur Po-Ebene, wo sie schließlich einen Großteil des römischen Heeres vernichteten. Gruselig, 80.000 römische Legionäre wurden in dieser Schlacht umzingelt und abgeschlachtet.

Schlussendlich half jedoch auch diese Metzelei nichts, die Römer revanchierten sich 209 mit der Einnahme Cartagenas, Cato predigte "Im Übrigen meine ich, dass Karthago zerstört werden soll", und 50 Jahre später passiert dies dann auch. Karthago wurde dem Erdboden gleichgemacht, die 50.000 Bewohner versklavt.

Cartagena blieb unter römischer Herrschaft eine wichtige Stadt, bis zu 40.000 Menschen sollen hier nach Silber gegraben haben. Und bis heute ist diese Verbindung zu Rom bei den Einwohnern wichtig, heute ist der letzte Tag der "römisch-karthagischen Woche". Wir kucken ziemlich verdutzt, als plötzlich ein römischer Soldat mit Frau die Straße vor uns kreuzt. Ok, vielleicht ist irgendwo ein Touri-Hotspot, wo man sich mit denen für Geld fotografieren lassen kann? Aber kurz darauf sehen wir mehr Leute in altertümlichen Kostümen, und wundern uns immer mehr, bis wir am Hafen parken und das Plakat sehen:

Überall Menschen in Tracht (deren Authentizität zumindest teilweise fragwürdig ist) – ein Spektakel, das den Menschen hier sichtlich Freude bereitet! In allen Bars sitzen Gruppen in Tuniken, in den Läden werden Kostüme verkauft, die Straßen sind geschmückt, es ist eine Freude anzuschauen.

Der Hafen, der heute noch der wichtigste Marinestützpunkt Spaniens im Mittelmeer ist, und auch zu Bismarcks Zeit kurzzeitig Ziel deutscher Kriegsschiffe war, ist durch eine steile Meerenge gut geschützt, und wurde von dem Castillo de los Moros weiter gesichert.

Im Hafen sind weitere Kunstwerke zu sehen, neben der oben schon gezeigten Säule, die nur auf 4 Kugeln gelagert ist auch eine Skulptur für die Opfer des Terrorismus – wir haben nichts Genaueres gefunden, aber vermutlich geht es um die Anschläge 2004 in Madrid / Atocha. Die Skulptur ist ziemlich beeindruckend, ein riesiger nackter, trauernder Mann.

Wir laufen schwitzend durch die Fußgängerzone, freuen uns über die vielen feiernden Menschen, betrachten den hundertjährigen Baum und die Windmühle.

Auf dem Rückweg werde ich gefordert: Auf den Schlossberg geht ein Panorama-Aufzug. Die ganze Struktur ist ziemlich offen, und wackelt sauber im Wind! Dafür sind an den Seiten Glassäulen eingesetzt, die je nach Blickwinkel durchsichtig oder spiegelnd sind. Das wirkt auf den Fotos einigermaßen verwirrend:

Von oben hat man nochmal schönen Ausblick, und es laufen "pavo reales" rum – königliche Puter, wir nennen sie Pfaue.

Ein herrlicher Besuch in einem Ort voller Geschichte!

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