Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

New Orleans

Bevor das spanische Moos (die Fäden die hier an den Bäumen hängen und sie so gruselig aussehen lassen) sich auch an meinem Auto anhängen kann oder die Mücken mich vollständig leer saugen fahre ich nach New Orleans weiter. Bestimmt ein halbes Dutzend mal wurde ich inzwischen gewarnt – die Stadt ist so gefährlich, gut aufpassen, Lenkradschloss kaufen! Ich bin gespannt, ob es wirklich so gruselig ist.

Der Weg dorthin ist es jedenfalls, aber nicht im negativen Sinn. Über große Strecken ist der Highway auf Stelzen über dem Sumpfwald gebaut, die Bäume mit dem erwähnten spanischen Moos haben – da Winter ist – kein Laub und es macht irgendwie Endzeit-Stimmung. Cool!

An der Tankstelle rät mir der Mann an der Nachbar-Zapfsäule von meinem Plan ab, im Stadtteil Kenner bei Walmart zu parken und am Fluss entlang zu radeln. Das sei eine ganz miese Gegend und am Fluss gäbe es es keine durchgehende Verbindung. Ich solle lieber beim Holiday Inn auf dem Parkplatz parken, der wäre zwar nicht bewacht, aber dort wäre ständig Polizei. Ortskundigen sollte man vielleicht besser zuhören, also tue ich wie gesagt. Das Holiday Inn ist mit dem Graffiti auf der Seite tatsächlich nicht zu übersehen, und der Parkplatz scheint Mardi-Gras-Preise zu haben: $9 pauschal tagsüber bis 8pm, $33 (!) danach. Das Einparken wird mit dem Wohnmobil auf dem nahezu vollen Parkplatz ein wenig anspruchsvoller, schließlich finde ich aber dennoch einen Platz der groß genug ist für das 7m-Ungetüm.

Nachdem ich den Weg um das riesige Outlet herum gefunden habe lande ich am Big Ol' River und bin enttäuscht. Breiter als die Themse ist der Mississippi hier auch nicht. Das hatte ich mir größer vorgestellt.

Auch im French Quarter und am French Market habe ich das Gefühl in London zu sein: Alles erinnert mich an Camden Town, nur ist der Schmuddel-Charme in London irgendwie interessanter. Ich bin froh, nicht von Kenner durch die ganze Stadt fahren zu müssen, die Strassen sind dringend renovierungsbedürftig. Der Jackson Square ist im Gegensatz zum restlichen Viertel tatsächlich renoviert worden, das steht ihm gut. Auch der Straßenmagier dort macht sich über die allgemein verbreitete Angst vor der Kriminalität in der Stadt lustig – ob diese begründet ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber Armut gibt es offensichtlich genug. Extrem viele Obdachlose, Junkies, Bettler, am Schlimmsten sind aber die bereits vor dem Mittagessen schon volltrunkenen Touristen in der Bourbon Street. Na ja, es ist Mardi Gras.

Zum Feiern und Abstürzen ist das French Quarter sicherlich gut geeignet, und es ist hübsch geschmückt für die Feierlichkeiten. Mich reizt es dennoch nicht, und so gehe ich auch nicht auf die Suche nach einem Umzug – es ist hier schon wuselig genug. Bevor ich wieder zurück radle fahre ich noch bei dem großen Satchmo (Louis Armstrong) vorbei und zolle seiner Statue im nach ihm benannten Park Respekt. Hier am für die Indianer heiligen Platz haben sich nachdem diese vertrieben waren die Sklaven an ihren freien Tagen getroffen und gesungen und getanzt. Aus diesen Gesängen entwickelte sich später Jazz und Rhythm&Blues. Sozusagen immer noch ein heiliger Ort.

Obwohl ein Umweg, möchte ich auf jeden Fall über den Lake Pontchartrain Causeway fahren und bin beeindruckt. Warum man diese Brücke gebaut hat, erschließt sich mir nicht – rechts und links um den See geht ja bereits eine Interstate, und in die Richtung gibt es auch nicht genug Orte die den Aufwand wert wären. Aber ich bin froh, dass sie gebaut wurde um jetzt von mir befahren zu werden! Immerhin ist das die längste durchgehend über Wasser gehende Brücke der Welt – fast 40km lang. Man fährt auf eine zweispurige Strasse ohne Seitenstreifen und mit rechts und links ca. 50cm hohen Mauern, und dann geht es auf den See, dessen anderes Ufer weit hinter dem Horizont liegt. Ich stelle mir vor, was passiert wenn jetzt ein Unfall passiert: Die Mauer hält das Wohnmobil nicht, da würde ich drüber kippen und das wäre es dann. Und prompt passiert auch etwas: Ein paar Autos vor mir fliegen plötzlich mehrere Trümmerstücke weit in die Luft. Nach dem ersten Schock sehe ich dass es nur Pappe ist, jemand transportiert Kisten mit irgendwelcher Pappe auf dem Hänger; eine davon hat sich geöffnet und der Fahrtwind schleudert die Stücke herum. Puh!

Nach etwa 20 Minuten taucht dann das gegenüberliegende Ufer auf, dann dauert es aber noch mal 10 Minuten bis ich wieder auf Land bin. Beeindruckend!

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