Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Go West to go East

Meine Eltern sind ja derzeit Migranten, somit haben wir ein neues Urlaubsziel. Um dort hin zu kommen, müssen wir einen kleinen Umweg machen. Der günstige Weg in den Osten führt über den Westen, darum fliegen wir erstmal nach Paris. Nach langem, langem Flug erreichen wir endlich Shanghai.

Die Masse an herrenlosen Koffern, die in der Ankunftshalle stehen, lässt Böses schwanen. Und prompt kommt auch ein Koffer zu wenig an. Gabis Koffer wird uns erst kurz vor Ende des Urlaubs erreichen, wiedergefunden in einem gigantischen Kofferhaufen in einer angrenzenden Halle. Ob Air France oder der Flughafen Shanghai das nicht im Griff haben weiß ich nicht, aber die schiere Masse an Koffern, und der Ärger und Stress, den jeder einzelne verursacht werfen kein gutes Bild.

Es überwiegt aber die Wiedersehensfreude und die Begeisterung, das erste Mal im Reich der Mitte zu sein. Schon bei der Fahrt in die Stadt stehen die Münder offen, aber der Ausblick aus „Hotel Mama“ lässt die Kinnlade auf den Boden fallen.

Am Morgen ragen die drei Türme im Financial District bis in die Wolken. Sowohl der Jin Mao (rechts) als auch der „Bottleopener“ und der Shanghai Tower (links) sind deutlich über 400m hoch und führen selbst bei New Yorkern zu Nackenstarre.

Zwischen den Türmen und dem Fluss befinden sich zwei Einkaufszentren, ein teures und ein sehr teures. Wir schlendern durch Beide, Gabi benötigt erst mal was zum Anziehen. Auf Dauer scheint sie sich in meiner Leih-Unterwäsche nicht wohl zu fühlen – Frauen sind komisch.

Während es in den Malls noch relativ vertraute Waren und auch tatsächlich gutes deutsches Laugengebäck gibt, wird es in den kleineren Läden weiter ab vom Fluss schon exotischer:

Apropos Fluss, durch das Zentrum Shanghais fließt der Huangpu, der dieses in das alte Zentrum Puxi („westlich des Pu“) und das Finanzzentrum Pudong („östlich des Pu“) teilt. Der Pu ist eigentlich nur ein „kleiner“ Nebenfluss des Yangtze, aber er hatte im 19 Jhdt. den Vorteil, dass man hier gut von den Unbillen des Meeres geschützt ist, und im Gegensatz zum Yangtze auch einigermaßen frisches Wasser hatte. Nebenbei führt er zu den Seen und dem gigantischen Kanalnetz im Landesinneren Chinas, dessen Ausmaße für Europäer unvorstellbar sind. Bereits zu Zeiten, als in Europa noch die Reise des Odysseus über die Ägäis legendär war, begannen die Han mit dem Bau des 1800km langen Kaiserkanals von Peking bis südlich von Shanghai. Der Bau dauerte zwar knapp 1000 (!) Jahre, dafür sind große Teile davon aber auch heute noch in Benutzung.

Und so machten sich am Huangpu (kurz: Pu) die Engländer und die Franzosen breit. Die Engländer siedelten am „Bund“ rechts und links des Pu, die Franzosen weiter südwestlich nahe des damals ziemlich übersichtlichen chinesischen Dorfes Shanghai.

Obwohl der Hafen – der größte der Welt – inzwischen entlang des ganzen Yangtze-Ufers verstreut liegt, fahren immer noch dicke Brummer über den Pu quer durch die Zig-Millionen-Metropole. Sie bahnen sich den Weg durch Fähren, Yachten und Ausflugsschiffe, so dass immer was zu sehen ist von den Ufern des Bund.

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