Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Zugfahrt nach Segovia

Es ist erneut irgendein christlicher Feiertag, vermutlich weil Jesus an Halloween zu viel Kürbisschnaps getrunken hatte und am Tag drauf kein Bock auf Arbeit hatte. Ich kann heute ausschlafen – allerdings erst, nachdem ich um vier Uhr in der Früh eben quer durch die Stadt fahre, um meine bessere Hälfte zum Flieger zu fahren. Ich Glücklicher kann danach wieder ins Bett, und noch ein wenig das Kissen umarmen.

Um 12:05 habe ich ein Zugticket von Chámartin, die S-Bahn, die dort um 11:53 ankommt, sollte reichen. Schon 10 Minuten bevor ich ankomme, bekomme ich ein wenig hektische Whatsapp von meinen dort wartenden Freunden. Stresst nicht so, alles easy – so übermütig bin ich noch. Bis 11:57 der schon verspätete Zug stehen bleibt und 5 Minuten ganz easy nicht rumstresst.

Schnaufend und keuchend renne ich zum Gleis, an der Sicherheitswitzkontrolle ist nichts los, und es interessiert auch keinen, dass ich meinen Rucksack in das Röntgengerät werfe und drüben gleich wieder rausreiße. Am Gleis sagt der Kontrolleur, der Zug sei schon abgefertigt, und ich habe Pech. Ich bettle, und er sagt: „Vale… pero: corre, corre, corre!“. Zu Deutsch: „Na gut, aber dann RENN!“.

Schwitzend und schnaufend sinke ich in meinen Sitzplatz und behaupte, alles im Griff zu haben – ich sag’ Euch doch, das klappt.

Die Fahrt geht Luftlinie 70 Kilometer über die Berge. Wobei, nicht wirklich über die Berge: Ziemlich bald rauscht der Zug mit 200 km/h in einen 10 km langen Tunnel. Danach über eine Brücke, und in den nächsten Tunnel, diesmal 30 km lang. Direkt nach dem Tunnel sind wir dann schon da am Bahnhof Segovia Guiomar.

Der Bahnhof der Hochgeschwindigkeitsstrecke liegt wie ein Flughafen außerhalb der Stadt mitten auf dem Feld.

Es fährt ein Pendelbus, aber wir beschließen, lieber zu Fuß zu gehen. Es geht schön mit Blick auf die Berge erst an der Straße entlang, dann auf der alten Römerstraße durch den Park, an der Kaserne vorbei zu alten Stadttor.

Hier gibt es endlich was zu trinken, und so gibt es ein paar Tapas, bis wir am Aquädukt ankommen.

Zum Mittagessen befüllen wir uns mit der lokalen Spezialität, dem „Cochinillo“ – ein kleines Ferkelchen, das spätestens 3 Wochen nach der Geburt schon geschlachtet wird. Auch wenn sie es grinsend an den Tisch bringen, das ist schon wirklich gruselig.

Mit gut gefülltem Magen und jeder mit einer halben Flasche Wein intus kommen wir aus dem Restaurant, und nach einer Verdauungspause geht es in die Altstadt, an der Kathedrale vorbei zu Alcázar.

Mit frisch umgestellter Zeit wird es echt früh dunkel, und zum Sonnenuntergang kehren wir das fünfte Mal ein.

Trotzdem ich nur mit T-Shirt bekleidet bin, ist es noch gut auszuhalten – selbst für spanische Verhältnisse ist es deutlich zu warm. Einerseits genieße ich das, aber mir graust vor nächstem Sommer. Die Wasserspeicher sind im gesamten Land fast leer; während in Deutschland alle panisch auf das Gas kucken, sorge ich mich um den leeren Wasserhahn nächsten Sommer.

Noch ein wenig durch die Stadt geschlendert, kommen wir zurück zum Aquädukt. Von dort nehmen wir den Pendelbus – mein Vorschlag wieder zu laufen stößt nur auf Unverständnis.

Der Zug braust unter den Bergen zurück nach Madrid, und erneut renne ich über den Bahnhof: Meine S-Bahn steht schon am Gleis, und ich springe durch die sich schließende Tür. Das ist alles genau so geplant gewesen, just-in-time delivery! Und wir haben die letzten Jahre ja gelernt, dass das im globalen Handel immer reibungslos klappt. Kein Stress, chillt mal!

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