Unterwegs

Immer auf der Suche nach dem noch nicht Gesehenem

Daytona

Wer jetzt Bilder vom Speedway erwartet und Geschichten über Autos, die stundenlang wie im Kreis fahren, weiss zwar das Daytona der "birthplace of speed" ist, aber kennt mich schlecht. Das einzige Auto, für das mein Herz schlägt ist der VW-Bus. Und der fährt – wenn er nicht qualmend am Strassenrand steht – nicht im Kreis sondern nach Italien! Ich bin aber wenigstens mal am Speedway vorbei gefahren – mehr als eine riesige Tribüne sieht man nicht.

Warum ich trotzdem so lange hier geblieben bin? Sagen wir mal so, ich habe 2 Dinge gelernt: a) Mikrowellenessen schmeckt nicht nur schlecht, sondern kann auch schönen Ausschlag machen. b) Antihistaminika machen müde und Benadryl kann wirken wie Wodka intravenös.

Somit waren die letzten Tage meine Radtouren etwas kürzer, dafür hat Netflix etliche Megabyte zu mir gestreamt. Wenigstens war es schön warm und der Pool angenehm kühlend.

Außerdem habe ich lustige Nachbarn: Vorgestern bin ich früh morgens im Halbdunkel aus dem Auto gestiegen und bin ordentlich erschrocken:

Eigentlich bin ich auch nicht in Daytona sondern am Rand von Ormond Beach und umgeben von sumpfigem Wald. Hier beginnt der Urwald direkt hinter den Häusern, das ist für einen Europäer schon ziemlich beeindruckend. Es gibt ein paar schöne Strassen durch den Wald und in den State Parks auch kurze, aber schöne Trails. Vor der eigentlichen Küste liegt ein breiter Fluss, der Halifax River, sodass der schmale Küstenstreifen eigentlich eine Insel ist.

Gestern war es morgens neblig, und als um 10 der Nebel aufklarte bin ich Richtung Daytona Beach und Meer gefahren. Erst geht es durch den Wald, dann durch den Vorort am Fluß entlang.

Auf der Brücke über den Halifax fällt sofort der Nebel auf, der durch die Hochhäuser in der ersten Reihe an der Küste quillt und sich danach sofort auflöst. Von heiterem Sonnenschein zu gruseligem Nebel sind es nur wenige Meter. Das scheint hier nicht ungewöhnlich zu sein, denn heute habe ich das weiter nördlich wieder gesehen. Echt ärgerlich wenn man zum Sonnenbaden zum Strand fährt und die Sonne 50m vor dem Strand verschwindet. Gut, dass ich mir nichts aus Meer mache – es sei denn es gäbe Korallenriffe, oder es wäre ein Hurricane zu besichtigen.

Hier beginnt die berühmte Strand-Strasse von Daytona Beach, mit dem Auto könnte ich jetzt 7km auf dem Sand nach Süden fahren. Mit dem Rad funktioniert das jedoch nicht, die dünnen Reifen sinken sofort ein. Vermutlich auch besser für die Mechanik wenn ich schnell wieder vom Sand verschwinde.

Dafür entdecke ich in der sonnigen zweiten Strasse das "European Café & Schnitzel house", aber das hat noch geschlossen. Mein Gaumen muss noch 2½ Wochen warten bis es wieder was Leckeres zu Essen gibt.

Heute bin ich wieder fit und erkunde die Parks ein bisschen genauer. Es sind jedoch kaum Tiere zu sehen, selbst die sonst überall zahlreichen Reiher sind hier wenig zu sehen. Das liegt vermutlich an der Bike Week die morgen startet: Eine Woche lang ist Daytona Beach die Hauptstadt der Harley-Fahrer. Bereits seit ein paar Tagen sind immer mehr zu sehen, und hier gibt es weder Lärmbestimmungen noch Helmpflicht. Einige Maschinen machen einen Lärm wie ein Drag Car, und ich habe auch schon Fahrer gesehen ohne T-Shirt, Helm oder gar Brille. Wie kann man ohne Brille Motorrad fahren? Ich wäre nach wenigen Metern blind, weil die Augen so tränen. Kann mich mal einer von den mitlesenden Bikern aufklären wie das funktioniert?

In einem Park hat es offensichtlich vor einiger Zeit gebrannt, alle Stämme sind schwarz – das sieht urig aus. Davor steht die Ruine einer Schnapsbrennerei, aber ich würde keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Kurz darauf ein unerwartetes Wunder: Eine Eiche. Warum Wunder? Laut Plakette davor ist die Eiche über 2000 (!) Jahre alt. Ich dachte bisher nur Sequoia würde so alt. (Wikipedia korrigiert das Alter übrigens auf over four centuries. Trotzdem total beeindruckend. Der riesige Baum hat einen endlos langen Ast, der im Laufe der Jahrhunderte vom Boden verschluckt wurde. Und er ist über und über von spanischem Moos behangen, was den Uropa-Look noch authentischer macht. Ein Wahnsinnsbaum!

Am Meer ist wieder Nebel, und die Fahrt durch Flagler Beach ist lustig: Es ist eine Stadt, die vom Tourismus (und dem leckerem Key Lime Pie als Nachspeise) lebt und schön geschmückt ist. Aloen, Kakteen, lustige Piratenpuppen auf den Dächern, und am Strand schweben über ein Dutzend Drachen. Zuerst dachte ich da wäre ein Treffen von Drachen-Fans, aber die fliegenden Pandas, Nemos, Hasen, etc. sind fest im Boden verankert und scheinbar einfach Deko für die Bar auf der anderen Strassenseite. Respekt, das nenne ich mal auffällige Werbung!

Damit nicht nur die erste Häuserreihe (am Fluss, nicht am Meer) was vom Wasser abbekommt, sind auch hier Kanäle ins Land gezogen, sodass man auch von der zweiten und dritten Reihe direkt vom Haus ins Boot steigen kann. Das hat irgendwie was, ich finde das cool.

Das letzte Bild ist nur was für Genießer: Vor zwei Tagen habe ich am Strassenrand ein vom Auto geküsstes Armadillo gesehen, das von zwei Geiern Mund-zu-Mund beatmet wurde. Heute sind bereits die Organe entfernt und der Körper ist bereit für die Mumifizierung und die Reise in die ewigen Jagdgründe. Also: wer empfindlich ist sollte das letzte Bild nicht ankucken.

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